Feierabend (AT)

Drehbuch
gefördert durch die BKM
90
min, Spielfilm

Petersens Kutte

Eine riesige Brachfläche in einem toten Winkel des Ruhrgebiets. Die Siedlung hier wurde abgerissen, bis auf ein einziges Haus, das verloren auf der kahlen Fläche steht. Wie ein sinkendes Schiff sackt es zu einer Seite hin ab - in Folge des Bergbaus ist das Gebiet unterhöhlt von einstürzenden Stollen. Doch immer noch hausen hier zwei Brüder Mitte 50, denn die renitente Mutter hat sich bis zu ihrem Tod gegen alle Evakuierungsmaßnahmen zur Wehr gesetzt. Die ehemaligen Bergleute leben von einer kleinen Frührente. Unzertrennlich und zugleich im Dauerstreit wirken sie wie frühverwaiste, alte Kinder -als wäre das Leben mit dem Tod der Mutter stehen geblieben.

Abgeschottet auf ihrer Brache pflegen sie ihr obsessives Hobby: Sie hören Schallplatten ihrer Lieblingsband Eyzidizzi (AT) mit 45 anstatt 33 Umdrehungen. Die alten Rockhymnen klingen also extrem beschleunigt, hochgepitcht und schrill. Dazu singen sie wie Eunuchen auf Speed. In ihrer seltsamen Symbiose ist dieser Irrtum für sie Normalität geworden. Sie kennen Musik nicht anders und wollen nichts anderes wahr haben. Auch ihre wenigen Sozialkontakte, die Stammgäste der Trinkhalle „Ballerbude“, haben sie durch Sturheit, Schlägereien und Lokalrunden ihrem 45er-Diktat unterworfen.

Doch das Leben zwischen ihrer Titanic und der Ballerbude ist brüchig geworden – während sie sich im Kampf gegen die Zwangsräumung aufreiben, eskalieren unter dem Druck der Isolation die Streitigkeiten. Allen ist klar, dass sie endlich jeder ein eigenes Leben brauchen. Als dann ein Eyzidizzi-Reunion-Konzert in Berlin angekündigt wird, wirkt es wie der einzig souveräne Ausweg - ein Befreiungsschlag, dem man seine Verzweiflung anmerkt, als die Brüder alles stehen und liegen lassen und sich auf den Weg nach Berlin machen.

Dort angekommen, heften sie sich an die Fersen eines jungen Oer-Erkenschwicker Möchtegern-Musikers und nehmen seine WG in Beschlag. Schon bald werden sie mit ihrem 45-er Veitstanz in der verschlafenen Elektroszene herumgereicht, die entgeistert ihr authentisches Freaktum feiert. Es verdichten sich die Anzeichen, dass die 45er-Blase der Brüder in Berlin platzen wird. Unausgesprochen sind sie hier, um voneinander loszukommen. Anfangs gibt es noch rührende Momente, wie der Ältere versucht, den Jüngeren aus dem Nest zu stoßen, um ihn alleine lebensfähig zu wissen. Dann erste Auflösungserscheinungen ihrer Verklammerung. Eine DJane produziert einen Track mit dem Jüngeren als Sänger, während sich der Ältere ausklinkt und immer lebensmüder wirkt.

Es kommt der Tag des Eyzidizzi-Konzerts. Beide wissen, dass der Abschied naht und weil sie nicht offen darüber reden können, machen sie sich in blindem Einverständnis etwas vor: den endgültigen Bruch. Sadistisch verkündet der Ältere, dass er allein auf das Konzert gehen wird und verhökert das Ticket des Jüngeren vor dessen Augen. Der Jüngere spielt pflichtbewusst den tödlich Getroffenen und steigt dann aber in das bereits auf ihn wartende Auto der DJane. Kurz darauf sucht er das Weite und stolpert auf einer Großbaustelle verloren ins Ungewisse. Dennoch ist es ein Aufbruch. Währenddessen erlebt der Ältere auf dem Konzert, was er nicht wahrhaben wollte aber doch wusste: Er landet in der drögen Zeitlupenrealität der auf 33 Umdrehungen eingebremsten Musik. Entgeistert, aber wie ein Elefant, der im Elefantenfriedhof angekommen ist, lässt er sich in einem Moshpit treiben, dann zwischen die pogenden Beine sinken. Schließlich liegt er reglos neben dem Ausgang, wo die aus dem Saal strömenden Fans ihn für einen Besoffenen halten, mit Konzertmüll schmücken und so in eine Art Altarbild verwandeln.

Produktion / Jahr

BKM Drehbuchförderung, WDR - 2023

  • Schnappschuss Oer-Erkenschwick, 2016 /
    Schnappschuss Oer-Erkenschwick, 2016 /
  • Oer-Erkenschwick, 2015 / c Paul Plamper
    Oer-Erkenschwick, 2015 / c Paul Plamper
  • am Kraftwerk Herne / c Paul Plamper
    am Kraftwerk Herne / c Paul Plamper
  • Waltrop / c Paul Plamper
    Waltrop / c Paul Plamper
  • Waschkaue /
    Waschkaue /
  • Bergmann in der Waschkaue, Filmstill /
    Bergmann in der Waschkaue, Filmstill /
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